Das Verb verändert die erwartete Leistung
„Nennen Sie zwei Vorteile“ verlangt etwas anderes als „Begründen Sie, welche Variante im vorliegenden Fall geeignet ist“. Wenn der Maßstab bei der ersten Aufgabe bereits eine ausführliche Abwägung voraussetzt, passen Aufgabe und Bewertung nicht zusammen.
Formulieren Sie zuerst, was Teilnehmende nach dem Lernabschnitt können sollen. Beschreiben Sie anschließend eine Aufgabe, an der diese Fähigkeit erkennbar wird. Erst danach werden die Kriterien und Punkte ausgearbeitet.
Ein Beispiel aus einem kaufmännischen Kurs
Das Lernziel lautet im fiktiven Beispiel: Teilnehmende können Beschaffungsangebote anhand vorgegebener Anforderungen vergleichen. Eine reine Frage nach der Definition von Skonto würde nur einen Ausschnitt des benötigten Wissens prüfen.
Eine passendere Aufgabe enthält zwei Angebote und konkrete Anforderungen des Unternehmens. Die Antwort soll die Unterschiede erläutern und eine Auswahl begründen. Damit die Aufgabe lösbar ist, müssen die dafür nötigen Daten im Fall vorhanden sein.
Den Bewertungsmaßstab gleichzeitig prüfen
Ein Raster beschreibt, welche Aspekte der Leistung bewertet und wie sie abgestuft werden. Carnegie Mellon zu Rubrics. Prüfen Sie jedes Kriterium darauf, ob die Aufgabe diese Leistung tatsächlich verlangt.
Umgekehrt sollte eine ausdrücklich geforderte Leistung im Maßstab erkennbar sein. Wenn eine Begründung verlangt wird, aber ausschließlich das Endergebnis Punkte bringt, setzt die Bewertung ein anderes Signal als die Aufgabe.
Unbeabsichtigte Hürden erkennen
Eine komplizierte Formulierung kann Leseverständnis prüfen, obwohl eigentlich eine fachliche Entscheidung gemeint ist. Unnötige Informationen können den Fall schwerer machen, ohne das Lernziel besser abzubilden. Entscheiden Sie bewusst, welche Komplexität zur Aufgabe gehört.
Lassen Sie eine fachkundige Person die Aufgabe ohne zusätzliche mündliche Erklärung lösen. Rückfragen zeigen, wo Angaben fehlen oder mehrere Deutungen möglich sind. Prüfen Sie außerdem, ob alternative fachlich richtige Lösungen anerkannt werden können.
Vor dem regulären Einsatz lassen sich Prüfungsaufgaben in einem kleinen Pilot erproben. Beobachten Sie dabei, ob Missverständnisse aus dem fachlichen Anspruch, der Formulierung oder der verfügbaren Bearbeitungszeit entstehen.
KI als Entwurfshilfe begrenzen
Eine KI kann Varianten der Aufgabenformulierung oder mögliche Kriterien vorschlagen. Die fachliche Verantwortung bleibt bei der Person, die Lernziel, Material und Prüfungsrahmen kennt. Kontrollieren Sie insbesondere erfundene Falldaten und unbeabsichtigt verratene Lösungen.
Für den ersten Test reicht eine einzelne Aufgabe mit einem begründeten Maßstab und einigen Beispielantworten. Wenn Aufgabe und Bewertung zusammenpassen, können weitere Aufgaben nach demselben fachlichen Vorgehen entwickelt werden. Ein einheitliches Layout allein schafft diese Übereinstimmung nicht.
Quellen und weiterführende Grundlagen
Über den Autor
Julian Süllner hat Provehor gegründet und führt das Unternehmen als Geschäftsführer. Er verantwortet Produktentwicklung, Kundenprojekte und die Ratgeber auf dieser Website.